Musik Matters

    Tango-Musik hören, verstehen und nutzen

    Hören & Verstehen

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    Warum die beste Tangomusik aus der „Goldenen Dekade“ kommt

    Warum die Musik, bei der die Piste voll wird, aus einem erstaunlich schmalen Zeitfenster stammt.

    Wer eine Weile Tango tanzt, Milongas besucht und seine rebellische Tango-Jugendphase des „Non-Tango“ überstanden hat, kommt meist ganz von allein auf den Geschmack: Die Musik, bei der die Piste voll wird und die Paare nicht mehr aufhören zu tanzen, stammt meist aus einem erstaunlich schmalen Zeitfenster: Grob gesagt aus den Jahren zwischen 1935 und 1946. Das ist kein Zufall und auch keine Nostalgie. In diesen gut zehn Jahren kam in Buenos Aires alles zusammen, was wir Tangueros und Tangueras zum Tanzen brauchen. Vor dieser Zeit war noch nicht das gesamte Rezept bekannt, und danach wurde es für andere Zwecke verwendet.

    Tango-Epochen: Guardia Vieja, Guardia Nueva, die Goldene Dekade 1935–1946 und die Zeit danach

    Davor: Tango “Soft”

    Die späten 1920er-Jahre sind musikalisch keineswegs schwach, im Gegenteil. Es ist die Zeit der Sextette: zwei Bandoneons, zwei Geigen, Klavier und Kontrabass. Arrangements gibt es kaum. Sechs Musiker, die sich kennen, spielen nach einfachen Noten, und jeder weiß, was er zu tun hat. Das klingt oft charmant, manchmal wunderschön, aber für die Tanzfläche fehlt meist etwas. Und viele Stücke sind eigentlich Lieder: Die Melodie wird lang, weich und gebunden „gesungen“, auch wenn gar niemand singt. Einen klaren, tragenden Beat, auf dem man als Paar stehen und gehen kann, sucht man oft vergeblich - man könnte sagen, hier fehlt ein Stück Überzeugung, gar Aggression. Nicht nur der Beat, sondern die ganze Persönlichkeit dieser Musik hat noch etwas “unschuldiges”.

    Dazu kommt ein doppelter Schlag um 1930. Die Weltwirtschaftskrise trifft Argentinien, und gleichzeitig verdrängt der Tonfilm die Kinoorchester, die vielen Tangomusikern ein festes Einkommen gesichert hatten. Viele Orchester verlieren ihre Verträge und lösen sich auf, und zwar vor allem die, die anspruchsvollere Musik machten. Was in den Jahren 1932 bis 1935 übrig bleibt und auf Platten landet, ist vor allem das, was sich verkauft. Die Musik von Francisco Canaro beherrscht die Szene mit Bühnenshows und Hits.

    Und dann dominiert noch ein anderer Stil: Das “Tango Canción”. Diese Musik existiert seit 1917 neben der Tanzmusik als gesungener Tango, der nicht zum Tanzen gemacht ist. Absoluter Star des Genres ist Carlos Gardel, und neben ihm große Stimmen wie Ignacio Corsini, auch viele großartige Sängerinnen wie Ada Falcón oder Libertad Lamarque, treten im Theater und im Radio auf, nicht in Tanzsälen.

    1935: Ein Tod und ein Anfang

    Im Juni 1935 stirbt Gardel bei einem Flugzeugabsturz in Kolumbien. Ganz Argentinien steht unter Schock. Monatelang wird darüber gestritten, wer „der nächste Gardel“ werden könnte, aber niemand wird es. In die Lücke stößt etwas ganz anderes.

    Nur wenige Tage nach Gardels Tod nimmt Juan D'Arienzo mit seinem neuen Orchester seine ersten Platten auf. Ende des Jahres kommt Rodolfo Biagi ans Klavier, und damit beginnt etwas, das es so vorher nicht gegeben hatte: ein harter, klarer, treibender Rhythmus, gespielt für die Leute, die tanzen wollen. 1937 ist D'Arienzo dann richtig erfolgreich, und im selben Jahr nimmt Laurenz sein „Arrabalero“ auf. Damit laufen die beiden Stränge los, die die kommende Dekade tragen: der rhythmische und der melodisch-lyrische.

    1935–1946: Warum ausgerechnet diese Jahre?

    Weil hier für Tänzer gespielt wurde. Hunderttausende Menschen gingen jedes Wochenende tanzen, in Clubs, Sälen und Vereinslokalen. Die Orchester spielten live vor einem Publikum, das sich bewegen wollte. Und sie merkten sofort, was funktioniert und was nicht. Diese direkte Rückmeldung von der Tanzfläche steckt in jeder Aufnahme dieser Zeit. Viele Milongas wurden damals improvisiert gespielt und nie aufgenommen, weil die Band sie einfach für die Tanzenden spielte.

    Weil Geld da war. Dies sorgt für Quantität und Qualität. Während des Zweiten Weltkriegs verdiente Argentinien an seinen Exporten. Die Leute hatten Geld in der Tasche und konnten ausgehen, und davon lebten die Orchester. Aus den Sextetten wurden große Orchester mit vier Bandoneons, vier Geigen und mehr. Es gab genug Arbeit für Dutzende Bands gleichzeitig, und entsprechend groß war die Konkurrenz. Jeder musste einen eigenen Stil finden, um gebucht zu werden.

    Weil die Vielfalt explodiert. In keiner anderen Zeit gibt es so viele unverwechselbare Orchester nebeneinander: D'Arienzo mit seinem Beat, Di Sarli mit seinen singenden Melodien und seinem mächtigen Arrastre, Troilo mit seiner Poesie, Pugliese, Laurenz, Caló, Tanturi, Rodríguez, D'Agostino, Fresedo, Biagi, De Angelis und viele mehr. Und alle machen Musik, zu der man tanzen kann, jeder auf ihre eigene Weise. Für uns DJs ist das ein Geschenk: Man kann eine ganze Nacht lang abwechslungsreich auflegen, ohne jemals die Tanzbarkeit zu verlieren - und alles aus diesem goldenen Zeitalter.

    Weil die Balance stimmt. Die Musik wird in diesen Jahren immer reicher: bessere Arrangements, großartige Sänger, die sich ins Orchester einfügen statt davor zu stehen, raffinierte Harmonien. Aber sie bleibt dabei immer auf dem Boden. Der Beat, an dem sich die Tanzenden festhalten können, ist immer da. Oft läuft darunter ein gehender Bass, und gerade der gibt der Melodie darüber die Freiheit zu spielen. Genug Komplexität, um einen auch beim zwanzigsten Hören noch zu überraschen, und genug Einfachheit, um sie mit dem Körper zu verstehen. Dieses feine Gleichgewicht gab es weder zuvor noch danach.

    Weil die neuen Tangos wie Konfetti kamen. In den 30ern und frühen 40ern wurden so viele neue Stücke geschrieben, dass die Argentinier selbst sagten, sie fielen „wie Konfetti“. Die Orchester hatten ständig frisches Material. Später wurde das Repertoire immer öfter neu aufgenommen statt neu geschrieben.

    Danach: Tango-Kommerz

    Um 1946 dreht sich der Wind, und zwar aus mehreren Richtungen gleichzeitig.

    Schon seit 1943 sorgt die Zensur dafür, dass Texte im Lunfardo, dem Slang von Buenos Aires, nicht mehr im Radio laufen dürfen. Den Textern wird die eigene Sprache genommen, und die Zahl neuer guter Tangos schrumpft. Mit dem Kriegsende 1945 reduzieren sich die lukrativen Exporte, es fließt weniger Geld ins Land und damit weniger in die Tanzsäle. Amerikanische und europäische Musik wird wieder produziert und verbreitet sich. Ende der 40er gerät der Tango in eine echte Krise, viele Orchester geben ganz auf.

    Die Musik selbst entwickelt sich in zwei Richtungen weg von der Tanzfläche. Die einen werden immer komplexer, moderner und konzertanter. Troilo holt sich neue Arrangeure und will moderner klingen, und Pugliese fordert seine Zuhörer heraus. Das ist oft großartige Musik, aber sie ist zunehmend zum Zuhören gedacht. Die anderen gehen den umgekehrten Weg: zurück zum einfachen Erfolgsrezept, nur lauter. Der D'Arienzo der 50er klingt wie der der späten 30er, nur mit mehr Wucht. Er nimmt zeitweise 50 Titel im Jahr auf, weil ein einfacherer Stil viel weniger Arbeit beim Arrangieren macht. Seine „La Cumparsita“ von 1951 verkauft sich eine Million Mal. Das ist ein Riesenerfolg, aber es ist ein kommerzieller Erfolg, keine musikalische Entwicklung mehr.

    Dazu kommt der Sound. In den 50ern wird es Mode, den Aufnahmen immer mehr Hall hinzuzufügen. Das klingt zunächst beeindruckend, macht das Ohr aber auf Dauer müde, gerade wenn man den trockenen, direkten Klang der 30er und 40er gewohnt ist. Und irgendwann laufen in den Orchesterprogrammen auch Tango-Versionen von europäischen Schlagern.

    Vor allem aber verschwinden die Tänzer. Ende der 50er tanzen in Buenos Aires um Größenordnungen weniger Menschen Tango als zehn Jahre zuvor. Die Jugend hört andere Musik, das Radio und die Plattenfirmen richten sich nach dem, was sich verkauft, und die Orchester spielen für ein Publikum, das sitzt und zuhört. Musiker und Tänzer, die in der Goldenen Dekade untrennbar waren, driften auseinander, und das hört man in dieser neuen Musik.

    Das heißt nicht, dass es nach 1946 keine gute Tangomusik mehr gibt. Di Sarli macht 1951 ein fantastisches Comeback, Pugliese und Biagi haben in den frühen 50ern Perlen aufgenommen, die viel zu selten gespielt werden. Aber der Schwerpunkt hat sich verschoben: weg von der Tanzfläche, hin zur Bühne einerseits und zur Verkaufszahl andererseits.

    Fazit

    Die Jahre 1935 bis 1946 sind nicht deshalb golden, weil früher alles besser war. Sie sind golden, weil es der einzige Moment in der Geschichte des Tango war, in dem alles zusammenpasste: ein riesiges tanzendes Publikum, Geld für große Orchester, eine Flut neuer Stücke, harte Konkurrenz zwischen Dutzenden Bands und Musiker, die jeden Abend direkt sahen, ob ihre Musik die Leute bewegte. Vorher war der Tango noch nicht so weit, er war Lied, Theater und Plattengeschäft. Nachher wurde er Konzertmusik oder Massenware.

    Genau dazwischen entstand die Musik, die wir heute noch jeden Abend spielen, und das wird vorerst auch so bleiben.