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    Dein Lieblingstango

    Wie du deinen Lieblingstango findest, und was passiert, wenn du dich wirklich auf ihn einlässt.

    1. Okt. 2026 · @Pekka

    Letzten Dienstag kam ich in die Practilonga, und Manfred hatte gerade „La abandoné y no sabía“ aufgelegt, von Ricardo Tanturi mit Enrique Campos 1944. Ich konnte ihm schön alles vorsingen, zwar in der falschen Tonlage, aber mit viel Gefühl.

    Vor 22 Jahren war dieser Tango mein Lieblingstango, weil ich Ezequiel und Lucía dazu die geilste Rücksacada hatte tanzen sehen, die ich mir immer wieder angeschaut hatte. Seitdem habe ich wohl an die hundert weitere Lieblingstangos gehabt, und von vielen bleibt viel hängen.

    Darum geht es in diesem Text: wie du deinen Lieblingstango findest, und was für schöne Dinge passieren, wenn du dich auf ihn einlässt.

    Es ist völlig normal dass du am Anfang findest, dass alle Tangomusik genau gleich klingt. Aber hoffentlich passiert es dir dann doch mal, dass dir etwas in einem der Stücke besonders gefällt. Mir ging es lange nicht so. Ich hörte lange vor allem elektronischen Tango und späten Piazzolla. Aber ich war Fan von Eze und Lucía, und so passierte das dann mit dem obigen Tango. Davor waren es Chicho und dieselbe Lucía gewesen, und auch dort hatte ich von den beiden Lieblingstangos übernommen, auch über Video. Manchmal bleibt ein Tango hängen, weil man mit jemand ganz Speziellem diesen einen Tango getanzt hat, und man erinnert sich auch viel später noch daran. Ich weiß noch mit wem ich in Copenhagen 2006 zu Pero Yo Sé von Fresedo tanzte. Ich konnte den Song davor nicht ausstehen, aber seither: oh yes! Ein kleiner Zaubertrick ist das, wenn man sich einfach öffnet. Ein Bekannter von mir hat mich beeindruckt, als er mir erzählte, wie er mit seiner Frau zusammen von jeder Milonga, an der sie getanzt hatten, einen Tango auswählten und ihn in ihre Playlist taten. Musik ist gut für unsere Erinnerung... und hier geht es jetzt darum, dass Erinnerungen gut sind für unsere Musikalität. Du kannst es auch anders angehen: Wenn so ein Sänger wieder mal offensichtlich von Gefühlen bewegt wird, lies mal so einen Text.. und während man den wieder und wieder liest, und hier und da zwei Wörtchen mitsingen kann.. da wird so ein Tango manchmal auch zum Lieblingstango. Vielleicht hat der ja plötzlich mit unserem Leben was zu tun, mit der Lage in der wir uns so befinden.

    Ich dachte ich schreibe das mal auf, weil mir letzthin jemand gesagt hat, dass egal was ich jetzt über ein bestimmten Musiker erzählen würde, da würde er sich in ein paar Monaten nicht mehr dran erinnern. Was übrigens eine weitere Art wäre, Lieblingstangos zu finden - durch zuhören, was jemand anderes erzählt über ihre Liebe zum Tango. Ich kenne viele Lieblingsorchester meiner Freunde und Bekannten, weil das für mich etwas Emotionales ist. Da ist nichts Akademisches dran.

    Gut, also mal angenommen du kommst jetzt soweit und hast einen schönen Tanz zu einem speziellen Tango gehabt, oder hast was cooles gehört oder wurdest durch einen Sänger bewegt. Merk dir den Moment. Frag den DJ nach dem Titel, mach ein Foto vom Display (ausser es ist Jonas Maria, der reißt dir den Kopf ab wenn du das versuchst), schreib es dir ins Handy. Trau dich, den n Bisschen zu erforschen und dich dieser Liebe hinzugeben, sonst geht es ja nicht. Er darf auch wieder abgelöst werden - so monogam muss das nicht sein. Lieblingstangos sind keine Treueschwüre, sondern Türen. Wer durch eine geht, findet dahinter die nächste. Aber geh durch diese erste Türe, und dem erstmal ne Chance zu geben. Das heißt du darfst ruhig auch ein bisschen nach Infos graben. Das macht aus einem schönen Lied eine Beziehung.

    Der Text: Was wird da gesungen und was bedeutet das, worum geht es? Wer spricht, zu wem? Oft verändert ein einziger Satz, wie du eine Phrase hörst.

    Das Orchester: Wer spielt? Wer singt? Wann wurde aufgenommen?

    Man muss kein "geschichtliches" Interesse an der Sache haben, aber falls du die Beziehung noch weiterstricken magst:

    Die Zeit: Was geschah damals in Buenos Aires? Für mein Liebeslied "La abandoné..." spielt das jetzt keine Rolle, da kann ich den Text auch so verstehen.

    Die Menschen: Kleine Geschichten machen Musiker lebendig. Enrique Campos kam aus Montevideo und hieß eigentlich Troncone. Seinen Künstlernamen soll Tanturi zufällig in einem Telefonbuch gefunden haben. Das interessiert mich jetzt in diesem Fall nur, weil ich auch diesen Typ mag, den Campos, weil er so ne coole Stimme hat die für mich subjektiv den Raum so mehrdimensional verbiegt wenn ich zuhöre.

    Andere Versionen: Hat noch ein anderes Orchester deinen Lieblingssong aufgenommen, oder gibt's den aus verschiedenen Jahren vom selben Orchester? Bewegen dich die anderen Versionen auch so? Das hilft dir herauszufinden, was in dir besonders berührbar ist. Ich hab für meinen Song noch eine Version von Chanel gefunden, aber die Pugliese mit Chanel bewegt mich nie so wie Tanturi-Campos.

    Frag dich beim Hören: Was genau gefällt mir? Ist es die Stimme? Der Rhythmus, der dich nach vorn zieht? Eine Geige, die plötzlich allein weiterspielt? Eine Pause, in der alles stillsteht? Versuch, diese Stellen zu benennen. Schon das Suchen schärft dein Ohr.

    Was ich gerne mache, und das hab ich von Detlef Engels, ist den Tango für mich in der Vorstellung mit geschlossenen Augen zu tanzen. Also ich Detlef nach seiner musikalischsten und bewegensten Tanzerfahrung fragte, war das so ein Tanz den er ganz alleine für sich im Kopf gemacht hatte :-D. Das war 2005, vielleicht hat's ja inzwischen mal mit nem Menschen mehr gefunkt.

    Kuck mal was sich tut wenn du ihn 2x, 20x oder 30x gehört hast. Klingt er jetzt langsam mehr wie “meins”?

    Und dann, erzählt mir davon, wenn wir uns mal sehen!

    Also, du musst überhaupt nichts. Man soll seinem Gefühl folgen und kann seinen Geschmack nicht forcieren. Aber ich höre beim Tango, jetzt vor allem in Deutschland, wirklich ständig dass die Leute nichts mit dieser Musik anfangen können. Und komme nicht umhin zu denken, dass es doch genau gleich ist in jeder Beziehung. Wenn man sich für den anderen interessiert und n bisschen was tut für die Liebe, dann erst entsteht wirklich was. Wenn man schon vorher aufgibt, dann hatte die Beziehung keine Chance.