Der „Grundschritt“ im Tango
Eigentlich gibt es ihn nicht – und trotzdem lernt man ihn
Eigentlich gibt es ihn nicht
Der Tango kennt keinen Grundschritt. Er ist im Kern ein improvisierter Tanz. Das kleinste Element ist der einzelne Schritt – und für jeden Schritt gibt es nur vier Möglichkeiten: nach vorne, nach hinten, zur Seite oder am Platz. Kombiniert man diese vier Richtungen mit dem Pivot (dem Drehen auf einem Fuß am Platz), hat man bereits das grundsätzliche Vokabular des Tango beisammen. Alles Weitere entsteht aus der Verbindung dieser wenigen Bausteine – im Moment, zwischen führender und folgender Person.
Und trotzdem: die Salida básica
Parallel dazu existiert eine Art „Grundschritt“, die im Unterricht gern verwendet wird: die Salida básica. Wichtig zu verstehen ist dabei: Diese Figur ist fürs Lernen entstanden. Sie ist nicht eine Schrittfolge, die in der Milonga viel getanzt wird. In Teilen schon, und Teile ihrer Varianten, aber selten in ihrer gesamten Länge.
Die Milonga ist der gesellige Tanzabend, bei dem Tango sozial getanzt wird – der Ort, an dem der Tango eigentlich zu Hause ist. (Das Wort bezeichnet zugleich eine eigene, schwungvollere Musik- und Tanzform, hier ist aber der Tanzabend gemeint.) Ein erfahrenes Paar wird man dort nie den Grundschritt in seiner rechteckigen Lernform tanzen sehen – dafür wäre auf einer vollen Tanzfläche auch gar kein Platz.
Die Salida básica ist also weniger ein „Schritt, den man tanzt“, als vielmehr ein Gerüst, an dem man den Tango lernt und erklärt.
Die Struktur: acht Schritte
Beim Lernen wird die Salida básica als Rechteck getanzt; in der Praxis (also da, wo man Teile von ihr an der Milonga tanzt) dreht sie sich. Sie besteht aus acht Schritten.
Leader (beginnt auf dem linken Fuß stehend)
- Rückwärts mit rechts
- Seitschritt mit links
- Vorwärtsschritt mit rechts
- Vorwärtsschritt mit links
- Gewichtswechsel mit rechts
- Vorwärtsschritt mit links
- Seitschritt mit rechts
- Gewichtswechsel mit links
Follower (beginnt auf dem rechten Fuß stehend)
- Vorwärtsschritt mit links
- Seitschritt mit rechts
- Rückwärtsschritt mit links
- Rückwärtsschritt mit rechts
- Vorne überkreuzen mit links
- Rückwärtsschritt mit rechts
- Seitschritt mit links
- Gewichtswechsel mit rechts
Hier siehst du‘s in einem Kurzvideo.
Hier ein Video der Leaderschritte.
Hier ein Video der Followerschritte.
Was dabei wirklich passiert
Auf den ersten Blick wirkt die Salida básica symmetrisch. Aber nicht durchwegs. Es besteht auch eine Asymmetrie:
Schritt 2 führt die folgende Person kürzer aus als die führende. Dadurch stehen die beiden bei Schritt 3 und 4 nicht mehr frontal voreinander, sondern schräg voreinander. Erst bei Schritt 5 kommen sie wieder frontal zu stehen.
Wie erreicht die führende Person das? Über eine Grundregel des Tango: Die folgende Person versucht stets, sich direkt vor dem Brustbein der führenden Person zu befinden. Es genügt also, dass die führende Person sich während des Seitschritts nach links (Schritt 2) mit dem Brustbein ein wenig nach rechts wendet. Die folgende Person führt ihren Schritt dann von selbst kürzer aus. Nach diesem Schritt stehen beide nebeneinander, leicht versetzt – auf vier Spuren statt wie zuvor auf zwei.
Diese Verschraubung von Ober- und Unterkörper (die Dissoziation) behält die führende Person über Schritt 3 und 4 hinweg bei. Bei Schritt 5 löst sie sich wieder auf: Die beiden kommen erneut voreinander zu stehen – und genau daraus entsteht das Einkreuzen des linken Fußes neben den rechten bei der folgenden Person, die berühmte Kreuzung (la cruzada).
Wozu der Grundschritt heute dient
Die Salida básica hat zwei große Stärken. Erstens lassen sich an ihr sehr viele Grundprinzipien des Tango üben – Haltung, Achse, Führung über das Brustbein, Dissoziation, das Kreuz. Zweitens lassen sich in sie mühelos alle möglichen Figuren und Schritte einfügen oder anhängen.
Genau das ist heute ihre eigentliche Funktion: Sie ist ein gemeinsames Gerüst zum Lernen, Erklären und Kombinieren. Der Tanz entsteht frei auf der Tanzfläche.
Haltung, Verbindung und das gemeinsame Gehen
Neben den Schritten selbst gibt es ein paar Themen, die im Unterricht immer wieder auftauchen – gerade am Anfang. Sie handeln weniger von Figuren als davon, wie zwei Menschen sich als Paar bewegen. Die folgenden Punkte kommen bei uns in fast jeder Anfangsphase zur Sprache.
Führen heißt, den Schritt mit dem ganzen Körper zu machen
Beim Führen geht es darum, den Schritt anzuzeigen, den man machen möchte. Man kann es auch anders formulieren: Die führende Person macht ihre Schritte ganz normal, mit dem ganzen Körper – ist sich dabei aber bewusst, was der Follower gerade tut, und lässt ihn mitkommen.
Wenn man losgehen möchte und merkt, dass die folgende Person die Intention noch gar nicht mitbekommt, läuft man eben nicht aufs Geratewohl ins Leere – oder in die Partnerin – hinein. Dieses Bewusstsein und Mitnehmen ist der Kern des Führens.
Gemeinsam losgehen: Erdung und Geduld
Damit das gelingt, spielt die Erdung eine große Rolle. Beim Losgehen arbeitet das Standbein aktiv in den Boden hinein. Genau das gibt die Kraft für eine gute Aufrichtung über den ganzen Schritt hinweg – und für die Übertragung der Intention an den Follower.
Ebenso gehört dazu die Absicht, zusammen loszugehen. Hier geht es oft um Geduld, Respekt und Warten: so lange, bis auch die folgende Person diese Erdung über ihr Standbein gefunden hat und selbst aufgerichtet losgehen kann, statt zu kippen.
Verbunden – und trotzdem frei
Das Gefühl, nicht ganz zusammen zu sein oder sich nicht frei bewegen zu können, soll dabei nach und nach abnehmen. Was wir suchen, ist eine Haltung und eine Umarmung, in der man sich verbunden fühlt und sich zugleich frei ausdrücken kann.
Kraft aus dem Boden, nicht aus dem Kippen
Das eben erwähnte Kippen funkt hier oft dazwischen. Sobald wir Druck und Zug aufeinander ausüben, wollen wir diese Kraft direkt aus dem Boden beziehen (Leader) und wieder in den Boden weiterleiten (Follower). Das meiste seitliche Kippen oder das Beugen des Oberkörpers nach hinten und zur Seite lässt uns dagegen wertvolle Kommunikationsimpulse verlieren.
Ein einfacher Trick: die Gegenkraft
Es gibt einen Weg, diese Kommunikationsimpulse stärker und bewusster wahrnehmbar zu machen: Jedes Mal, wenn der Follower spürt, dass der Leader drückt oder zieht, hält er – aus dem Boden heraus – direkt dagegen. Diese Gegenkraft macht den Impuls klarer spürbar und erlaubt es, ihm anschließend mit besserer Körperspannung zu folgen.
Die häufigsten Kipp-Fehler beim Gehen
Das häufigste störende Kippen – bei Leader wie Follower – ist ein Kippen des Oberkörpers nach hinten oder ein „Wegdriften“ des Beckens nach vorne. Die meisten Missverständnisse beim Gehen entstehen am Anfang genau dadurch (weil wir 1. scheu sind und 2. einander schieben). Deshalb hört man in den ersten Tango-Stunden von Lehrern oft den Auftrag, sich mit dem Oberkörper nach vorne zum Partner und mit dem Becken nach hinten zu bewegen. Ein weiterer üblicher Fehler ist das Nach-vorne-Beugen des Kopfes, wenn man seine Schritte beobachten möchte.
Wenn man sich auf die Füße tritt
Sobald man im Tango zusammen geht, taucht schnell ein Problem auf: Die führende Person tritt der folgenden auf die Füße – oder wenigstens fast. Eine Ursache ist das schon beschriebene Nach-hinten-Beugen des Oberkörpers, das Nicht-Anzeigen der Intention oder das Nicht-Warten.
Es steckt aber noch etwas anderes dahinter. Wird die folgende Person von vorne geschoben – der Leader „schiebt“ den Follower also –, dann bleibt der Follower mit dem Oberkörper aufrecht und erdet sich über das Standbein in den Boden (wie oben besprochen). Statt dem Druck mit dem Oberkörper auszuweichen, gibt er über das Standbein ein wenig dagegen, damit der Oberkörper genau dort bleibt, wo er war – und streckt zugleich das freie Bein nach hinten. Der Clou dabei: Knie und Sprunggelenk sind fast ganz durchgestreckt, nicht gebeugt. So wird der Schritt nicht zu klein. Nimmt der Druck des Leaders von vorne zu, kann der Schritt nun in aufrechter Haltung auf das neue Standbein erfolgen – und ist kein Fallen-in-den-Schritt mehr.
Für denselben Aspekt, der hier die Leader betrifft, lies das doch gerne in diesem Blogartikel nach.
Das Standbein nicht einfach wechseln
Für viele ist neu, dass man – als führende wie als folgende Person – nicht einfach mal eben den Fuß wechseln sollte. Sofort entsteht dadurch ein neues Standbein, eine neue Achse und damit eine grundlegende Veränderung für das Paar. Wird das dem Partner nicht klar kommuniziert und ist es an dieser Stelle eigentlich gar nicht gewollt, wird daraus schnell eine Stolperfalle – oder ein sonst wie lustiger Moment.
Für die meisten geht die Umgewöhnung recht schnell; manche brauchen auch bis zu drei oder vier Tango-Stunden, bis sie das Standbein nicht mehr unbewusst wechseln. Wahrscheinlich sind wir es im Alltag einfach nicht gewohnt, unseren Körper so bewusst wahrzunehmen – und dann braucht es eben etwas Fokus. Etwas Gutes tun wir uns damit aber allemal. Und wie gesagt, auch wenn das vielleicht etwas länger dauern sollte bis man sich dran gewöhnt, bisher hab ich noch niemanden erlebt, der oder die das nicht gut hingekriegt hat.